AUSSEN - RATHAUSPLATZ - MITTAG

Wir sind am Sammelpunkt angekommen und uns ist jetzt schon kalt. Die Sonne scheint zwar und gibt sich redlich Mühe, aber der Wind hält tapfer dagegen und es sieht momentan danach aus, als würde der Wind gewinnen. Der Frühling steht dann doch erst am Anfang seiner diesjährigen Karriere. Ich erkenne zwei junge Frauen aus der Klinik. Die eine wohnt im Zimmer direkt neben mir, die andere wohnt auf dem gleichen Flur, aber im Bereich für Kassenpatienten. Ja, der ist tatsächlich durch eine Tür getrennt…
Meine Nachbarin ist eine kleine und sehr zierliche Person. Ihre Hosen halten einfach mit keinem Gürtel mehr und so hängt sie immer sehr weit unten. Sie hat ein sehr süßes Lächeln und ohne diese Krankheit wäre ihr Gesicht ohne Frage noch hübscher. Ihre Begleitung ist äußerlich längst nicht so extrem anorexisch, obwohl auch recht dünn und mich dabei in der Größe auch noch um mindestens 2-4 cm überragend.
Vor uns steht eine Gruppe, die auffälliger kaum sein könnte. Da wäre ein älterer Herr mit einem markanten osteuropäischen Akzent, der einen Jagdhut mit einer Feder dran trägt und in seiner Hand einen Wanderstock aus Holz hält. Er wuselt durch die Menge und verteilt Flyer für anstehende Ereignisse. Die Frau in dieser Kleingruppe ist, sagen wir mal, recht füllig und spricht mit einer Lautstärke, als ob sie gegen ein startendes Flugzeug ankommen müsste. Dann gibt es noch einen ebenfalls eher gut genährten Mann, der komplett im Tarnanzug da steht, gestützt auf einen Wanderstab und Kopfhören in den Ohren, über die er zu telefonieren scheint. Der Alte mit Jagdhut blüht jetzt richtig auf und schreit wie auf einem Marktplatz, wann die nächsten Ereignisse anstehen und fragt vorsichtshalber mal bei Jedem nach, der den Flyer abgelehnt hat, warum man das gemacht hat. Natürlich hat er auch schon den Vornamen unseres Wanderführers herausgefunden und in jedem zweiten Satz von ihm kommt jetzt ein„Harry hat dies gesagt, Harry hat das gesagt“ vor".
„Oh man, die müssen aus der Allee kommen“, raunt mir meine Wanderbegleitung mittleren Alters entgegen und muss dabei lachen.
Die Allee ist ein weiteres Haus der Klinik. Das eigentliche Haupthaus. Ein sehr schönes, altes Gebäude mit hohen Decken und tollen Steintreppen. Das Haus in dem wir untergebracht sind, ist ein Neubau, hauptsächlich für Privatpatienten und Menschen mit einer Essstörung gedacht. Der Überwiegende Teil der Kassenpatienten und schwere Fälle mit Persönlichkeitsstörungen sind im altehrwürdigen Haupthaus untergebracht. Dort stehen auch immer noch die meisten Diagnosegeräte. Hörkammern für Tinnitus und Hörminderung, EKG etc. .
Jetzt erst fällt mir auf, dass hier wohl 98% der Teilnehmer aus der Klinik kommen. Das kann ja lustig werden.

 

AUSSEN - STADT - MITTAG

Nach wenigen hundert Metern Fußweg halten Harry und seine Frau an. Wir stehen mitten auf der Allee, durch die das Haupthaus seinen Spitznamen hat. Laut Harry ist dies die längste reine Eichenallee in Deutschland. Die ganze Unternehmung wird minütlich unterhaltsamer. Seine Frau unterbricht immer wieder seinen Vortrag, er verliert den Faden und seine Frau erinnert ihn anschließend wieder daran, wo er war. Ein herrliches Schauspiel. Und mittendrin unser aller Liebling, der sein Tagesziel wohl dahingehend definiert hat, Harry mit belanglosen Fragen zu bombardieren und die Antworten lautstark zu wiederholen.

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Die Tour führt uns aus der Stadt heraus, direkt in die Flora und Fauna dieser doch recht hübschen Gegend. Von unserem Wanderführer erfahren wir immer wieder, was für interessante Bäume und andere Pflanzen hier wachsen. Der Wind dreht auf den Höhen der Felder und Wanderwege so richtig auf und dadurch, dass wir jeden Strauch auf unserem Weg einzeln zu begrüßen scheinen, wird uns bald recht kalt. Das ständige stehen bleiben lässt unsere Füße abkühlen und die Laune sinkt etwas. Ich komme etwas in ein Gespräch mit dem Mathematik und Physiklehrer, bei dem sich aufgrund seiner Hörminderung ein Tinnitus mit hohem Leidensdruck bildete und erfahre etwas über seine Familie. Ebenso tausche ich mit der Frau aus, die mich heute morgen zu dieser Wanderung eingeladen hat und erfahre so auch etwas über ihr Privatleben. Ich mag diese Konversationen und mir fällt auf, dass ich mich seit Monaten nicht mehr wirklich mit anderen Menschen ausgetauscht habe, geschweige denn, mich für solche Konversationen interessiert habe. Das Interesse ist nun da, aber es fällt mir trotzdem noch sehr schwer, den Gesprächen mit voller Konzentration zu folgen. Vielleicht auch noch etwas viel verlangt, bin ich doch erst seit ein paar Tagen hier. Dass der Antrieb langsam kommt und die körperliche Träge seit dem ersten Abend hier schon etwas gewichen ist, halte ich schon für recht bemerkenswert.

Aus diesen Konversationen bildet sich eine kleine Gruppe von Menschen, in der sich jetzt rege ausgetauscht wird. Wir kommen an einem Ort vorbei, der ausschließlich aus Fachwerkhäusern besteht, welche mit hübschen Fassadenmalereien und kalligrafisch aufwändig gepinselten Sprüchen oder Bibelzitaten verziert sind. Anschließend besuchen wir noch zwei Kirchen, eine davon mit einem beeindruckend geschnitztem Altar, die andere eher ernüchternd und kühl. Die Kälte macht uns langsam zu schaffen und unsere Kleingruppe beschließt die Wanderung etwas abzukürzen. Eine Frau in unserer Gruppe kennt eine Abkürzung zurück in die Stadt, in der wir in einem Café einkehren und uns aufwärmen wollen. Wir sprechen diesen Plan kurz mit Harry ab und schon geht es los. Zu unserer Separatistengruppe gesellen sich auch die beiden Frauen mit der Essstörung. Trotz der „Abkürzung“ sind wir noch eine Zeit lang unterwegs und ich frage mich, wie lange die eigentliche Wanderung wohl noch gehen mag. Mir ist jetzt schon unglaublich kalt.

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INNEN - CAFÉ - MITTAG

Vor dem Café angekommen verabschieden sich die zwei Frauen mit der Essstörung in Richtung Klinik. Ich sage noch so etwas wie „schade, kommt doch noch ein bisschen mit“, sie winken aber ab und machen sich auf den Weg. Im Café angekommen, komme ich mir plötzlich richtig dumm vor. Natürlich kommen die nicht. Hier wimmelt es von Kalorien. Wer schon beim Mittagessen Schweißausbrüche bei der Wahl der Salatsoße bekommt, den haut es hier im Café sicher aus den Socken. Meine Vermutung wird dann auch von einer Frau aus der Gruppe bestätigt, die mir erklärt, dass die beiden Frauen von eben kein Café betreten können, ohne dass es ihnen schlecht wird. Das ist erschreckend und bedrückend zugleich.
In dem Café ist es sehr entspannt. Überall stehen Sessel herum, es gibt einen großen Runden Tisch am Fenster mit einem Sofa und Sesseln. Diesen Tisch steuern wir nun an und lernen direkt den Chef des Ladens kennen. Es handelt sich hierbei um den Hauskater, der einen der Sessel belagert und auch keine Anstalten macht, aufzustehen - putzig. Nachdem die Besitzerin den Kater entfernt hat, finde auch ich meinen Platz. Eben in diesem Sessel, wo vorher der Kater saß, der jetzt auf die Lehne springt und gekrault werden möchte. So sitze ich also in diesem Café, kraule den Kater, esse ausgezeichnete belgische Waffeln mit Eis und unterhalte mich mit den Menschen in dieser Gruppe. Ich fühle mich seit langem so etwas in der Art wie - friedlich - beruhigt oder auch ein kleines bisschen zufrieden.
Nach einer guten Stunde machen wir uns auf den Weg zurück zur Klinik, denn das Abendessen steht schon bald wieder an. Vorher möchte ich noch ausgiebig heiß duschen und etwas ruhen.

 

Es grüßt herzlich

Das Faultier

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