The worst thing you can do to a person with an invisible illnes is, to make them feel like they need to prove how sick they are.
— healthyplace.com

WENN DER KARNEVAL IM KOPF VERSTUMMT

 

Heute vor genau einem Jahr habe ich das erste Mal vor einer Psychologin gesessen.

Meine Nächte wurden immer kürzer, meine Träume immer schlimmer. Ich hatte eine riesige Angst alleine zu sein und redete nur noch negativ über alles mir eigentlich lieb und wichtig war(ist).
Meine damalige Freundin riet mir den psychologischen Dienst der Universität zu besuchen und mir dort Hilfe zu suchen. Ich hatte schiss diesen Schritt zu machen. Ich brauchte niemanden, der in meinem Gehirn herumstochert. Das hatten andere Personen schon Jahre zuvor versucht.
Nach langen Diskussionen ließ ich mich überzeugen und ich machte einen Termin aus. Sie bot mir an, dort nicht alleine hinzumüssen. Sie würde mitkommen und da sein. Dummerweise fiel mein Termin auf den 11.11. – einer der höchsten Feiertage – und so musste ich doch alleine dort hin. Meine Mutter kam danach noch extra aus der Heimat, damit ich nicht ganz alleine war.
Meine Depression war diagnostiziert.

Hört auf mich zu fragen, wie es mir geht. Ich bin es leid zu lügen.

 

DIE DEPRESSION BREITET SICH AUS

Vier Tage später wurde ich von meiner Freundin verlassen und ich brach endgültig zusammen. Atmen als Reflex funktionierte noch, alles andere wollte nicht mehr.
Mein Vater und meine Schwester holten mich noch am selben Tag aus meiner Wohnung und fuhren mich in die Heimat. Dort sollte ich dann für die nächsten Monate bleiben.

Depression is living in a body that fights to survive with a mind that tries to die.

Eine Woche zuvor wurden meine Mutter und meine Schwester Zeuge einer sehr seltenen Begebenheit. Auf einer Feier bei meiner Tante und meinem Onkel trank ich dort das ein oder andere Bierchen und Hemingways Lieblingsschnaps. Soweit nichts Besonderes und es hätte ein normaler Abend wie jeder andere auch sein können. Meine Stimmung allerdings war schon sehr stark getrübt. Ich versuchte Gesprächen aus dem Weg zu gehen und einfach zu lächeln, wenn mich jemand ansah.
Zuhause angekommen umarmte ich die Schüssel und ließ mir den Abend noch einmal gründlich durch den Kopf gehen. Wie konnte das passieren? War ich doch seit ´09 „speifrei“ und hatte nicht übermäßig getrunken. Es machte wohl die Mischung.
Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren, spielte ein Horroszenario nach dem anderen durch und mir wurde abends immer öfter übel. Öfter hing ich die letzten Wochen schon würgend über der Toilette, aber nie kam etwas aus mir heraus. An diesem Abend aber hatte mein Körper endlich etwas, das er wieder hergeben konnte.
Ich kotzte mir also wortwörtlich die Seele aus dem Leib und heulte dabeiununterbrochen. Ich möchte nicht wissen, was meine Mutter und meine Schwester sich an diesem Abend noch gedacht haben. Nach diesem Abend rührte ich bis zum Sommer dieses Jahres keinen Schluck Alkohol mehr an. Stimmt so nicht ganz. Man schenkte mir „Nur ein wünziges Schlückchen“ zu Silvester ein, um standesgemäß auf das neue Jahr anzustoßen, auf das ich so gar keinen Bock hatte. Das neue Jahr konnte mich mal sonst wo.

depressive Gedanken

Aber es ließ nicht aufhalten und so wachte ich morgens weiterhin auf, verfluchte mich und die Welt, dass ich schon wieder aufgewacht war und musste mein Frühstück runterwürgen. Ich hatte schon unnatürlich viel und schnell Gewicht verloren. Mein Appetit war weg und ich musste mich quälen zu essen. Leckere Gerichte, die ich einmal gerne gegessen hatte, schmeckten nach nichts und die Gesellschaft am Tisch war zu anstrengen geworden. Eine der demütigsten Dinge in dieser Zeit waren meine Heulattaken, die zu jeder Zeit und an jedem Ort ausbrechen konnten. In einem Restaurant, im Supermarkt, beim Spazieren gehen. Ich konnte nichts dagegen tun. Meine alte Schauspieldozentin wäre stolz gewesen, ich hätte gut und gerne drauf verzichten können.

Jeder Tag war ein Kampf mit mir selbst. Ich verfluchte jeden Morgen, war den Rest des Tages wie gelähmt und abends konnte mal eine euphorische Stimmung auftreten. Diese Stimmung war eine falsche Schlange. Mein Hirn sponn Szenarien, was man am nächsten Tag so machen könnte und es hörte sich alles wunderbar an. Nach dieser Euphorie oder dem „Abendhoch“, wie es offiziell von Ärzten bezeichnet wird, kam aber wieder der Absturz und die Nacht, in der man gar nicht bis kaum schlafen konnte.

 

WENN DAS LEBEN KEINEN WERT MEHR HAT

Dieser Kampf zermürbte, machte müde – Lebensmüde.
Zunächst wurde mir mein eigenes Leben egal. Die Furcht vor dem Tod, die man sonst so kennt, war nicht mehr vorhanden. Ich habe mir sehr oft abends gewünscht, am nächsten Morgen bitte einfach nicht mehr aufzuwachen. Dies geschah allerdings nicht und die Kräfte und der Lebenswille verschwanden mehr und mehr. 

Wenn ich nicht einfach so sterbe, muss ich aktiv nachhelfen

Diese Überlegung erzählte ich meiner Therapeutin nicht sofort. Als sie allerdings davon erfuhr, war höchste Vorsicht geboten und ein Termin bei einem Psychiater wurde gemacht. Ohne Medikamente war die weitere Behandlung nun doch zu heikel geworden. Dies geschah kurz vor einer Reise in die USA. Mich fliegen zu lassen, damit hatte meine Therapeutin lange mit sich gerungen. Ich erzählte ihr von einem Traum, in dem ich dort eine Waffe kaufte und die Depression damit wegpustete. Was daran wohl so beunruhigend gewesen sein muss, war die Tatsache, dass mich dieser Traum nicht schockierte, gar eine gute Idee zu sein schien. Dieser Art Träume und Überlegungen hatte ich viele.

Ich nahm dank der Medikamente und dem dortigen Essen in zwei Wochen wieder knapp 10 Kilo zu, was die nächste drastische Gewichtsveränderung binnen weniger Monate nach sich zog. Ab diesem Zeitpunkt begannen mir wieder meine Hosen zu passen. Vorher rutschten diese sogar mit Gürtel. Nach der Reise wurde es zum Teil psychisch noch schlimmer als vorher, sodass eine Empfehlung für eine psychosomatische Klinik folgte.

 

LERNE DEINE DEPRESSION KENNEN

In meinem Denken war dies nun mein Ende. Ich wusste nicht, was das für Einrichtungen sind und wollt es auch nicht wissen. Für mich war nur klar, dass alle anderen Versuche gescheitert waren und ich jetzt in ein Krankenhaus abgeschoben werde, aus dem ich nicht mehr rauskomme.

Wie weit dieses Denken an der Realität vorbei war, erkennt man daran, dass ich mittlerweile wieder ein (fast ausschließlich) selbstbestimmtes Leben führe und man mir meine Depression äußerlich nicht mehr ansieht. Wie es mir in der Klinik erging, kann man hier ausführlich nachlesen. Diese Beiträge werden immer noch erweitert.

Es folgte nach der Entlassung die Fortführung der ambulanten Behandlung, ich zog wieder in die Stadt zurück, in der ich vor dem Zusammenbruch lebte und begann meine Behandlungsergebnisse zu festigen und auszubauen. Geschenkt wird mir das allerdings nicht. Ich selbst schenke mir nichts. Es ist nach wie vor ein Kampf. Die Tage, an denen der Kampf mich ganz einnimmt und die Kräfte nicht mehr ausreichen, werden aber immer weniger und ich kann besser mit ihnen umgehen.
Was ich allerdings nach wie vor geschenkt bekomme ist die große Unterstützung und das Verständnis meiner Familie. Sie war zu Beginn dabei, musste mich 5 Monate intensiv ertragen und hat sich in dieser Zeit um mich gekümmert. Ich hätte ohne sie diese Zeilen nicht mehr schreiben können…

Danke!

 

Es grüßt herzlich

Das Faultier

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